Der Morgen begann mit einem Geräusch, welches ich von daheim kannte: das Grollen der Autobahn. Nur gab es diese hier nicht. Unser Bungalow stand nur einen Steinwurf auf einem Hügelchen vom tosenden Atlantik und seinen Eisschollen entfernt – das war also das dazugehörige Geräusch. Ich werde mich daheim sehr gern daran erinnern und mir nie wieder die brummenden LKW, sondern die Brandung vom Atlantik vorstellen. Nach dem Aufstehen und Klamottenpacken tranken wir im Frühstücksraum unseren Kaffee, checkten aus und fuhren kurz vor halb 10 Uhr hinüber zum Jökulsarlon.

Noch schummrig.

Es war noch recht finster. Die WebCam konnte ich mit meinem Handy weder aktivieren, noch hatte ich genug Netz, um Euch Bescheid zu geben, „guckt jetzt, da steh ich“. Schade. Das Wetter war wieder sehr regnerisch und stürmisch, und wir waren vor der anstehenden Tour bereits nass. Welche Tour? Wir befanden uns am Vatnajökull, dem größten Gletscher Islands, welcher außerhalb des Polargebietes auch der größte Gletscher Europas ist. Hier hatte ich bereits in D eine Eis-Höhlen-Tour gebucht.

Zwischen den vielen riesigen Trucks den Richtigen zu finden, war gar nicht so einfach; doch schließlich traf ich auf Beany von den Trolls. Er schlug mir vor, im Truck vorn zu sitzen, wo man am meisten sehen würde. Das nahm ich sehr gern an. Aber ohne Treppe mit langem Wintermantel in den Truck einsteigen zu wollen, war schon eine echte Herausforderung. Als es kurz nach 10 Uhr, jeder mit KettenSpikes ausgerüstet, losging, fuhren wir ein Stück Richtung Bleibe in Hali von letzter Nacht zurück und bogen links in ein unwegsames Gelände, einem ‚Feldweg‘ in der Mondlandschaft, ab. Der Truck zeigte, auf welcher Höhe seine Riesenreifen hingen, durchflutete große Löcher mit tiefen Pfützen (Seen) darin, so dass die Scheibe in matschige Flüssigkeit eintauchte, welche die Scheibenwischer problemlos entfernten, so, wie man es aus Filmen kennt. Dank des Gurtes hielt es uns auf unseren Sitzplätzen. Beany meinte zwar nur im Scherz, wir sollten die für jeden bereitliegenden Sturzhelme gleich im Truck aufziehen, aber man hätte sich damit auch wirklich während dieser atemberaubenden Fahrt gut schützen können.
Ca. 1.5 km vor dem Gletscher parkten wir den Truck, zogen ‚endich‘ die Sturzhelme auf und liefen durch die Mondlandschaft: kletterten über Steine und Felsen und durchquerten kleine Bäche, wenn keine Steine darin zum Überspringen lagen. War ich froh, dass ich meine Wanderschuhe nur für diese Tour extra mitgeeselt und diese daheim frisch imprägniert und vor Ort mit geheizten Sohlen bestückt hatte!

Schon von weitem zeigte mir Beany, neben dem ich allein weit vor der Gruppe lief, das Loch der Eishöhle und erklärte mit besorgtem Gesicht, dass wir wegen der Springflut, die aus der Eishöhle stürzte, wohl nicht weit genug hineinlaufen könnten. Er erzählte mir von seinem Leben auf Island aus seiner Kindheit: wenn er böse war, sagte ihm sein Vater immer „Wenn du nicht hörst, fressen Dich die Trolle, und Island hat viele Trolle, und alle sind ständig hungrig!“. Damit ‚droht‘ er mittlerweile natürlich seinen Kindern. Auch von seinem Leben als Erwachsener, als Eishöhlen-Guide (im Winter) und als Fischer (im Sommer), erzählte er mir vieles. Ein sehr sympathischer Mensch, der ständig den nebenan liegenden Vulkan im Auge behielt. Ein Vulkan, der immer ausbrechen könne, der sich noch nie an Regelmäßigkeiten hielt – sagt Beany.

Nach ca. 30 Minuten überquerten wir eine kleine provisorische (!) Holzbrücke, unter der sich ein reißender Fluss in die Schlucht drängelte und kamen dann zum Gletscher. Hier fasste irgendwie jeder erst einmal das Eis an (unabgesprochen), strich darüber, bevor wir die KettenSpikes über unsere Schuhe zogen und erstmals das Eis vom Gletscher betraten, um über eine Art EisTreppe am Seil in die Gletscherspalte zu gelangen. Ringsrum Eis. Wasserfälle zogen am Eis entlang, Rinnsäle durchzogen das Eis. Es schmolz. Einerseits unglaublich schön, andererseits so unglaublich traurig, dass dieser 100e Jahre alte Gletscher nun einfach wegtaut, im Atlantik verschwindet und eine weitere Mondkrater-Landschaft hinterlassen wird.

Ich starrte ewig ins Eis und grübelte darüber nach, wie gruselig es wäre, wenn ich darin jetzt eine Hand oder ein Gesicht von einem eingefrorenen Toten entdecken würde. Natürlich entdeckte ich nichts! Und das war auch gut so.

Was ich sehen konnte, waren diverse Asche-Schichten der Vulkan-Ausbrüche der letzten Jahrzehnte. Gigantisch!

Während ich mich in der Eishöhle so gut es am Rande des Flusses ging, bewegte, stand ich wohl unter einem Rinnsal; dieser lief mir vom Sturzhelm in den Nacken, an der Wirbelsäule entlang, bis er sich am Bopos verteilte – puhh, war das kalt (und nass).

Nachdem ich die Eishöhle verließ, beobachtete ich 2 Männer, die eine große Holzleiter über den Fluss spannen wollten. Doch die Strömung des aus der Höhle stürzenden Flusses riss das Leiterdingens einfach mit sich, als wäre es nur ein kleiner Ast –  Wasser und seine Kraft… !

Als auch Beany wieder neben mir stand, schaute er besorgt auf den Gletscher. Eigentlich war sein Plan, mit uns noch ein kleines Stück auf dem Gletscher zu laufen. Wegen des starken stürmischen Regens, musste er dieses Vorhaben leider verwerfen. Zu riskant. Sehr schade.

Also legten wir unsere KettenSpikes ab und kraxelten ca. 30 Minuten den Weg zurück zum Truck. Auf der Rückfahrt fragte ein Teilnehmer, ob es hier in der Nähe auch Rentiere gäbe, und Beany ließ es sich nicht nehmen; stoppte nach wenigen Minuten den Truck. Rechts von uns grasten tatsächlich wie aus dem Nichts 17 Rentiere, die ich ohne Beany niemals entdeckt hätte. So schön. Wieder in Jökulsarlon angekommen, bedankten und verabschiedeten wir uns von Beany (leider vergaß ich, ein Foto von unserem MonsterTruck zu machen) und bestaunten nun im Hellen – natürlich bei stürmischen Regen – die treibenden Eisberge, auf ihrem Weg vom Gletscher zum Atlantik.

Mit einem Kaffee und einer Zimtschnecke gestärkt wanderten wir zum Diamant Beach – einem Strand am Atlantik, auf dessen schwarzem Sand einige Eisberge anlandeten.

Mein erster Eisklotz hatte die Form eines Fisches, ein Karpfen. Wie passend. Genau vor uns entdeckte ich im Meer eine Seerobbe. Lustig, wie sie zwischen den Eisbergen in den Wellen schwamm. Sie schien sich pudelwohl zu fühlen, mir wäre das in diesem Moment zu kalt gewesen 😀 

Wieder zurück am Parkplatz fielen wir in die Sitze des DDuster und fuhren zu einem weiteren GletscherSee nach Fjallsarlon – wegen dicker Wolken konnten wir wohl einen Eisberg, den Gletscher selbst aber nicht sehen, obwohl der hier viel näher gewesen wäre. Weiter ging es zum Svenijökull.

Hier nahmen wir nicht die Schotterpiste zum Gletscher, sondern genossen lediglich vom Parkplatz aus kurz den Anblick, da es bereits recht dunkel war. An der Tankstelle N1 tankten wir den DDuster und uns noch einmal für den Endspurt nach Reykjavik auf.

Weitere kurze Stops folgten am Brückenmonument „Skeidararsandur“, einem Denkmal, an dem man die Kraft der Eisberge, die hier eine Brücke geschrottet hatten und am Zaun der Brustkrebskampagne, an dem etliche 100 BH’s hingen.

Zurück in Reykjavik waren wir in der AmiBar essen und fielen nach einem Absacker müde ins Bett. Mein Puls ging nun auch wieder etwas langsamer, da ich um die wetterbedingten Straßensperrungen wusste und etwas Panik davor hatte. Nicht selten bleiben Urlauber wegen dieser Sperrungen in der Wildnis stecken, müssen zusätzlich Hotelzimmer buchen oder in Restaurants oder Autos schlafen. Nicht umsonst heißt es, dass man auf Island neben Ersatzrad und Werkzeug immer genug im Tank und auch etwas zu Essen/zu Trinken im Fonds haben sollte.
Keine Aurora. Wolken. Regen. Sturm.

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